Die Aufklärung

„Mami, was sind das für rote Streifen auf deinem Rücken?“

Die Frage meiner Tochter überraschte mich, als ich nichts Böses ahnend bei der Morgentoilette war. Mist! Ich hatte vergessen, wie sonst immer nach „so einer“ Nacht, meinen Morgenmantel überzuziehen und war nackt ins Badezimmer gegangen. Bevor ich mich fassen konnte, schoss das aufgeweckte Kind schon die nächste Granate ab: „Wieso ist dein Popo so blau und rot?“

„Äh, wieso bist du denn schon wach?“, versuchte ich sie abzulenken. „Ich konnte nicht mehr schlafen. Und du hast auch auf dem Bauch so komische Streifen. Und auf den Titties!“, insistierte sie und drückte mit dem Zeigefinger kräftig auf eine der verfärbten Stellen. „Au! Lass das bitte! Ich -äh- bin gestern die Treppe runtergefallen. Das tut mir noch weh.“

Nun soll man seine Kinder ja nie anlügen. Ich weiß. Die armen Würmchen müssen doch wenigstens ihren Eltern vertrauen können! Die Welt ist auch ohne mütterliche Lügen schon schlecht genug. Mit entsprechend schlechtem Gewissen versuchte ich diese Notlüge, geboren aus Überraschung und peinlicher Berührtheit, an die Frau zu bringen. Doch die Strafe folgt der bösen Tat auf dem Fuß.

Sichtlich angestrengt überlegte sie sich die nächste Frage, täuschte an und traf ins Schwarze: „Warst du denn so unartig?“ – „Äh, wieso meinst du?“ – „Na, weil Papi dich verhauen hat!“ Vom Donner gerührt hielt ich mich am Waschbecken fest. Ich schwankte. Mein Lügengebäude war mit lautem Krachen in sich zusammengebrochen. Vor fünf Minuten war ich noch eine starke, selbstsichere, gleichberechtigte, aufrechte Frau und Mutter, die ihr Kind zu Ehrlichkeit und Anstand erzieht, und jetzt? Jetzt war ich nicht nur eine Mami, die von Papi verhauen wurde, sondern auch noch eine Mami, die lügt. Und eine, naja, Perverse. Erklären Sie das mal ihrem sechsjährigen Kind. Allerdings hatte ich keine Zeit, mir neue Ausflüchte zu überlegen, denn die süße Anna brachte gleich noch den Fangschuss an: „Miriams Papi verhaut nie ihre Mami, sagt Miriam. Und Miriams Mami hat gesagt, wenn Papi dich verhaut, dann sei das böse.“

Nun musste ich mich erst einmal setzen. Mangels einer besseren Alternative wählte ich den Boden. Das war praktisch, weil ich mich dann bei Bedarf auch gleich zum Sterben hinlegen konnte, ohne unelegant von einem Stuhl fallen zu müssen. Bloß dumm, dass wir in einem so neuen Haus wohnten. Sonst hätte ich bestimmt ein Mauseloch gefunden, um mich hinein zu verkriechen.

„Wann…“, räusperte ich mich, „…hast du darüber mit Miriam und ihrer Mami gesprochen?“ – „Na, gestern, auf dem Fest!“ Miriam war Annas beste Freundin und hatte am Vortag ihren sechsten Geburtstag mit großem Trara und vielen Gästen gefeiert. Verdammt, Sabine hatte mich so seltsam angesehen, als ich Anna abends abholte. Jetzt wusste ich wenigstens, warum. „Waren da noch andere Leute dabei, als du darüber gesprochen hast?“ – „Na klar, Alle! Wir waren doch am Sackhüpfen!“

Warum bloß kommen Vulkanausbrüche, Erdbeben, Meteoreinschläge oder störende Telefonanrufe nie dann, wenn man sie braucht? Nicht mal eine rettende Ohnmacht wollte sich einstellen. „Also mal ganz von Vorne, Anna: Wieso habt ihr darüber gesprochen?“ – „Na, der Dennis hat beim Sackhüpfen verloren, weil die Desirée vor ihm umgefallen ist und er über sie gestolpert ist, und da konnte Kevin an ihm vorbei hüpfen und hat gewonnen.“ – „Ja, und dann?“ -„Dann hat Kevin als Preis die Hexe-Lilli-CD bekommen, aber die wollte Dennis doch unbedingt.“ – „Und dann?“ So langsam fror ich am Hintern, weil ich nackt auf dem kalten Boden saß, aber im Gesicht war ich ganz heiß.

„Und dann wollte Dennis eben Desirée verhauen, weil er wegen ihr verloren hat und dann hat die Mami von Miriam gesagt, dass man einander nicht verhauen darf.“ – „Und dann hast du gesagt…“, begann ich zitternd. „Ja, dann hab ich gesagt, dass Papi dich auch manchmal verhaut.“

Wussten Sie, dass man gleichzeitig heiß und kalt haben kann, und dass es einem schwarz vor Augen werden kann, während ein plötzlicher Brechreiz einen überfällt? Dass man weiche Knie bekommen kann, obwohl man auf dem Boden sitzt?

Trotzdem gelang es mir, gefasst weiter zu fragen: „Und dann hat Sabine gesagt…“ – „Erst war sie ganz still. Dann hat sie gefragt, ob Papi mich auch verhaut.“ – „Und du hast geantwortet…“, zog ich ihr die Würmer aus der Nase. „Ich hab natürlich gelacht, weil Papi verhaut mich doch nicht!“, strahlte das gute Kind. Wenigstens das. Vermutlich würde mein Mann und Herr der Verhaftung entgehen. Trotzdem wollte meine Übelkeit nicht weichen. „Woher weißt du denn, dass Papi mich manchmal, äh, verhaut?“ Die Frage war durchaus berechtigt, denn wir waren immer sehr vorsichtig. Eigentlich hätte sie nie etwas mitkriegen können. Trotzdem schien es mir nicht mehr angebracht, den Fakt zu leugnen. Anna musste irgendetwas aufgeschnappt haben. Und wenn sie das „Verhauen“ mitgekriegt hatte, dann waren ihr womöglich auch andere nicht-jugendfreie Handlungen zu Ohren oder gar Augen gekommen.

Doch ihr Kooperationswille schien nun erschöpft: „Ich weiß es eben“, druckste sie herum. „Und wann hast du es erfahren?“, versuchte ich mich hinten herum anzuschleichen. „Na vorgestern“, sagte sie, an mir vorbeischauend. Nun ist „vorgestern“ bei vielen Sechsjährigen, so auch bei meiner Tochter, ein Begriff, der jeden Zeitpunkt zwischen gestern und vor einigen Monaten umfassen konnte. „Konntest du einmal nicht schlafen?“, fragte ich hartnäckig weiter. Wir passten zwar immer auf, dass sie schon schlief, wenn wir zur Sache kamen, aber eine Sechsjährige hat eben nicht mehr den Tiefschlaf eines Toddlers. Wir hätten damit rechnen müssen. Verdammter Trieb!

Es hatte im Moment jedenfalls keinen Sinn mehr, weiter zu bohren. Anna wollte nichts mehr sagen, und ich wollte ihr ja auch kein schlechtes Gewissen einreden. Vielmehr ging es nun zuerst um Schadensbegrenzung: „Komm mit, wir trinken erst mal zusammen einen Kakao und essen ein Brot.“ Ich stand ächzend auf, zog einen Morgenmantel über und ging mit ihr in die Küche.

Beim Frühstück plapperte Anna munter über andere Dinge, während ich eher still war. Ich dachte darüber nach, ob die Dinge, die an dieser Geburtstagsparty gesagt worden waren, sich nun im ganzen Dorf verbreiten würden. Untergemsensteig ist eine wunderschön gelegene dreihundert-Seelen-Gemeinde. Vor fünf Jahren hatten wir hier unser Haus gebaut, vor allem deshalb, weil das Land günstig genug war, dass wir es uns überhaupt leisten konnten. Dass es auch seine Nachteile hat, zwanzig Kilometer von der nächsten Stadt entfernt zu leben, vor allem wenn der öffentliche Verkehr sich auf drei Busse pro Tag beschränkte, das ging uns erst mit der Zeit auf. Wir hatten nur ein Auto; einen Zweitwagen konnten wir uns nicht leisten. Und ich wollte nicht arbeiten, so lange Anna noch so klein war. Außerdem wollten wir ein zweites Kind bekommen, und dass es bisher nicht geklappt hatte, lag bestimmt nicht an mangelnden Bemühungen. Mike tat wirklich sein Bestes, mich immer wieder mit seinem fruchtbaren Saft zu füllen, und mich danach jeweils stundenlang in Stellungen zu fixieren, die es den Spermien so leicht wie möglich machten, ihr Ziel zu erreichen. Dass sein Saft fruchtbar war, wusste ich genau, denn ich hatte ihn damals zum Urologen begleitet und die Spermaprobe eigenhändig zutage gefördert. Ich hatte dann auch kurz durchs Mikroskop schauen dürfen. Meine Empfindungen, wenn er mir ins Gesicht oder über die Brüste spritzte, waren nie mehr dieselben, seit ich dieses fischschwarm-artige Gewimmel einmal gesehen hatte. Und fragen Sie mich nicht, wie viel Überwindung es mich seither kostet, diese Lebendnahrung zu schlucken. Aber eine folgsame Sklavin belästigt ihren Herrn ja nicht mit solchen Petitessen, sondern macht die Augen zu und durch. Glücklicherweise musste ich mich diesen Problemchen zur Zeit eh nur selten stellen, da er ja wg. Kinderwunsch meist loco classico ejakulierte.

„Mama, muss ich heute nicht zur Schule?“, unterbrach Anna meine Gedanken, und mit einem erschrockenen Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass wir schon fast zu spät dran waren. In Windeseile machte ich das Kind fertig und brachte sie an die Tür. Ein ganz großer Vorteil eines solchen Dorfs ist, dass man eine Erstklässlerin problemlos unbegleitet zur Schule gehen lassen kann.

Endlich war sie also aus dem Haus. Gerade wollte ich mich in der Küche hinsetzen, meinen wohlverdienten Kaffee trinken und in Ruhe nachdenken, da klingelte es an der Tür. Durch den Spion sah ich, dass es Judith war. Unsere Nachbarin und Kevins Mutter. Die Abwesende spielen lag wohl nicht drin, denn sie hatte bestimmt gesehen, wie ich Anna an der Tür verabschiedet hatte. Also machte ich halt auf. Ich immer noch zerzaust, ungekämmt und im Morgenmantel, Judith wie immer perfekt gestylt und in Schale, bereit, sich in ihren aufregenden Arbeitsalltag als Anwaltsgehilfin zu stürzen.

Mitleidig sah sie mich an: „Ich wollte nur mal sehen, wie es dir geht. Du siehst müde aus.“ – „Ja, ich hab nicht so gut geschlafen“, wiegelte ich ab. „Hast du geweint?“, insistierte sie mit einem prüfenden Blick auf meine ungeschminkten Augen. „Quatsch, wieso sollte ich? Alles in Ordnung, hör zu, es ist nichts!“, wollte ich sie loswerden. Sie lenkte ein. „Ja, klar. Hier, nimm das, nur für den Fall.“ Sie reichte mir eine Visitenkarte. Die Karte eines Anwalts. Ich schaute sie fragend an. „Das ist bei uns in der Kanzlei der, der sich am besten mit Scheidungen auskennt. Der holt eine Menge mehr raus, als andere Anwälte. Nur für den Fall.“ – „Äh, danke. Ich wünsch‘ dir einen schönen Tag“, schloss ich. „Ich dir auch.“, antwortete sie mit einem letzten mitleidigen Blick auf meine wüst zerzauste Haarpracht und ging zu ihrem Audi.

Kaum hatte ich mich wieder an den Küchentisch gesetzt und einmal an meinem nunmehr lauwarmem Kaffee genippt, klingelte es erneut. Vor der Tür stand Iris, die Mutter von Belinda. Ihr gegenüber fühlte ich mich wenigstens nicht so minderwertig, wie bei der ober-perfekten Judith. Iris war eher rundlich, hatte struppige Haare und kleidete sich nicht besonders geschmackvoll. Sie war Hausfrau, ebenso wie ich. Ihr Blick sprach aber Bände. „Ich weiß, was du durchmachst“, fiel sie mit der Tür ins Haus, „ich hatte auch mal so einen Scheißkerl. Also eigentlich hab ich jetzt auch wieder ’nen Scheißkerl, aber der damals, der hat mich auch verprügelt. Hier, die helfen dir, wenn es gar nicht mehr geht.“ Damit drückte sie mir eine Karte in die Hand. Vom Frauenhaus. Keine Adresse, nur eine Telefonnummer. „Psst, das ist in der Zilchenerstraße in Oberuhldingen, aber das darf man niemandem sagen, damit die Scheißkerle uns nicht finden.“ Diskretion gehörte nicht wirklich zu Iris‘ Stärken. Aber was soll’s, sie hatte es ja nett gemeint. Während ich die Karte ansah, lugte sie an mir vorbei in den Eingang. Vermutlich hoffte sie, Blutspuren an den Wänden zu entdecken. „Ich danke dir, Iris. Aber es ist nicht so schlimm. Ich muss jetzt noch was tun, ja?“ – „Schon gut, aber wenn du Hilfe brauchst, ruf mir nur an“ – „Ja, danke.“

Erschöpft ließ ich mich auf den Küchenstuhl fallen und trank den kalten Kaffee in einem Zug aus. Dann schleppte ich mich zum Telefon und wollte gerade Mikes Nummer wählen, als es an der Tür klingelte. Draußen stand Sabine, Mirjams Mutter. Sabine war eigentlich ziemlich nett, und ich verstand mich mit ihr sehr gut, solange das Thema nicht auf Männer und Gleichberechtigung kam. Dann wurde sie zur Alice-Schwarzer-Kopie. „Männer sind Schweine!!“ stand zwar nicht direkt auf ihre Stirn tätowiert, aber man konnte es dort trotzdem lesen, wenn sie sich über männliche Verfehlungen aller Art ausließ. Erstaunlicherweise war sie verheiratet, und ihr Mann machte einen recht lockeren Eindruck. Und offenbar hatte sie ihn auch schon ein paar Mal ran gelassen, denn sie hatten vier Töchter, die alle orthodox-feministisch erzogen wurden. Wie Sabine es geschafft hatte, sich rein weiblich zu vermehren, wusste ich nicht, aber dass es Absicht war, daran zweifelte ich keinen Moment. Nie würde sie so etwas fehlerbehaftetem wie einem Mann das Leben schenken wollen, soviel war sicher. Es war klar, dass ich Sabine nicht erzählen konnte, dass ich mich freiwillig verhauen ließ. Aber wenn ich ihr das nicht sagte, würde sie Mike glatt die Polizei auf den Hals hetzen.

Sie klingelte nochmal. Ungeduldig. Ich würde mich nicht den ganzen Tag verstecken können. Also öffnete ich, immer noch im Morgenmantel und mit zerzausten Haaren, ein weiteres Mal meine Haustür. „Hallo, Sabine, willst du einen Kaffee?“ – „Ja, gern“, sagte sie mit ihrer allerfreundlichsten Stimme und schaute mich fürsorglich an. Sie war knapp drei Jahre älter als ich, wieso fühlte ich mich in ihrer Gegenwart manchmal wie ein kleines Mädchen? Ich drückte also in der Küche nochmal aufs Knöpfchen und starrte die Maschine angestrengt an, als müsse ich sie beim Mahlen und Aufbrühen überwachen. Immerhin kam ich so doch noch zu einem heißen Kaffee, dachte ich.

„Ich weiß alles“, eröffnete Sabine den anstrengenden Teil unseres Treffens, nachdem wir beide am Kaffee genippt hatten. „Ja, Anna hat mir erzählt, dass sie sich gestern verplappert hat“, versuchte ich ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber da war ich an die Falsche geraten: „‚Verplappert‘, sagst du? Sei froh, dass wenigstens jemand in der Familie beim Vertuschen und Verschweigen nicht mitmacht!“, zischte Sabine böse. „Eins garantiere ich dir: Wenn ich auch nur die Spur eines Verdachts hätte, dass Anna auch misshandelt wird, wäre ich direkt zur Polizei gegangen!“ – „Ich weiß, Sabine.“ Ich versuchte, mich zu sammeln. „Bitte hör mir einfach zu. Es ist anders, als es für dich aussieht.“ Sie schnaubte höhnisch: „Das ist es immer in solchen Fällen. Meistens ist es nämlich noch viel schlimmer, als es aussieht, weil die Opfer den Täter decken!“ – „Sabine, ich werde es dir erzählen. Aber nicht jetzt. Ich möchte zuerst mit Mike sprechen, ja?“ – „Unsinn. Am besten rufen wir gleich den Schlosser an, um die Türschlösser auszutauschen und stellen ihm seine Sachen vor die Tür. Dann kann er heute Nacht schon im Hotel schlafen, und du hast deine Ruhe.“

Ich legte mein Gesicht in die Hände. Wie sollte ich es ihr nur klarmachen? „Sabine, bitte. Es geht hier nicht um Leben und Tod. Es gibt nichts, was plötzlich eskalieren könnte. Ich bin dir dankbar, dass du mir helfen willst, aber nicht so. Lass mich das bitte erst selber klären. Bitte.“ Erschöpft von meiner langen Rede hielt ich mich wieder an der tröstlich warmen Kaffeetasse fest, während Sabine mich prüfend-mitleidig ansah. „Also gut“, gab sie endlich nach, „aber ich werde wieder nach dir sehen. Und wenn ich nur einen einzigen blauen Fleck entdecke, dann Gnade ihm Gott!“ Beinah musste ich kichern, weil ich unwillkürlich an den Zustand meines Hinterns dachte. Dann kam mir eine Idee: „Darf ich dich um was bitten? Könnte Anna heute Nachmittag zu Mirjam spielen kommen? Dann kann ich die Sache mit Mike klären.“ – „Ja, gern, das ist eine gute Idee.“ – „Aber du versuchst nicht, Anna auszuhorchen, okay?“, versicherte ich mich, plötzlich misstrauisch geworden. „Quatsch, wo denkst du hin! Ich werde doch nicht das Kind da mit reinziehen. Aber sag deinem Michael ruhig, dass ich sehr genau beobachte, was er mit dir und Anna tut!“ – „Ja, das werde ich tun. Danke nochmal“ – „Also tschüss, ich hole Anna dann gleich von der Schule ab, ich wollte eh mit Mirjam noch Schwimmen gehen, dann kann sie ja gleich mit, okay?“ – „Gern. Ich hole noch ihren Badeanzug.“

Endlich allein! ich ließ mich wieder auf die Wohnzimmercouch fallen und nahm das Telefon. Es dauerte. Hoffentlich war er da. Während ich wartete, stellte ich mir vor, wie ich in den Dorfladen ginge, oder zum Elternabend, oder zum Yoga-Abend. Und ich hatte ja kein Auto. Würde ich das Haus künftig überhaupt noch verlassen können? Als Mike endlich abnahm, liefen mir schon die Tränen über die Wangen und die Nase war zu, so dass ich erstmal nur schniefen konnte. „Elli?“, fragte er besorgt, „ist was passiert?“ – „Ich… Wir… Wir müssen hier wegziehen“, brachte ich endlich heraus. „Was? Was ist denn los?“, fragte er verdattert, doch ich konnte nicht mehr antworten. Wann immer ich etwas sagen wollte, kam stattdessen ein Schluchzen. Schließlich sagte er voller Besorgnis: „Bleib wo du bist, ich komme sofort.“

Während ich auf ihn wartete, kam mir meine Reaktion von vorhin schon lächerlich und übertrieben vor. Hey, es war ja nichts passiert. Ein paar Leute im Dorf wissen, dass ich ’nen blauen Hintern habe. Ja und? Trotzig straffte ich die Schultern. Ich würde meinen Herrn nicht als Häuflein Elend empfangen! Dann fiel mir wieder ein Zeitungsartikel ein, in dem geschildert worden war, wie die Vormundschaftsbehörde Eltern ihr Kind weggenommen hatte, weil in der Nachbarschaft Verdacht auf Misshandlung und sexuellen Missbrauch geäußert worden war. Erst nach Monaten hatten sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen und die Eltern ihr Kind zurückbekommen. Wir würden Anna verlieren! Als Mike endlich kam, lag ich schon wieder Rotz und Wasser heulend auf der Couch im Wohnzimmer.

Ich hatte ihm nicht einmal die Tür geöffnet und ihn angemessen begrüßt. Als er sich zu mir auf die Couch setzte, mich streichelte und dann fragte: „Was ist eigentlich los?“, drückte ich mein Gesicht nur noch fester in den Spalt zwischen Sitzfläche und Rückenlehne und schüttelte schluchzend den Kopf.

Nach kurzem Schweigen griff er mir nicht allzu grob, aber doch sehr bestimmt in die Haare und zog meinen Kopf hoch. Als ich ihn anblickte, sagte er langsam und mit unverkennbar deutlicher Betonung: „Elli, Zieh dein Halsband an!“

Dieser deutliche Befehl fuhr mir wie ein scharfer Stich in den Magen und ins Herz, und ich stand sofort auf und eilte ins Schlafzimmer. Mit zitternden Händen nahm ich mein Halsband aus der Nachttischschublade und legte es an. Den Morgenmantel ließ ich achtlos zu Boden fallen und blickte prüfend in den großen Spiegel am Schlafzimmerschrank. Schrecklich! Verheultes Gesicht und zerzauste Haare. Ein Bild des Elends. Sogar die Titten schienen tiefer zu hängen, als sonst. Und ich war noch nicht rasiert, wie ich mit einem prüfenden Griff in meine Schamgegend entsetzt feststellte. Aber ich konnte jetzt nichts mehr korrigieren. Wenn ich meinen Herrn warten ließ, würde das alles noch viel schlimmer machen. Also eilte ich hinunter und stellte mich in Neutralstellung vor ihm auf.

Er schaute streng, aber da ich seine Miene und seine Körpersprache in unserer zehnjährigen Beziehung gut lesen gelernt hatte, erkannte ich auch die Besorgnis, die er zu verbergen suchte. Er reagierte deshalb auch nicht so, wie er es sonst getan hätte, sondern er sagte nur: „Du weißt selber, dass deine Erscheinung eine Unverschämtheit ist. Wir werden uns später damit befassen. Nadu.“ Folgsam ging ich sofort auf die Knie, Rücken gerade, Beine gespreizt, Hände mit den Handflächen nach oben auf den Oberschenkeln ruhend, Kopf erhoben und Blick gesenkt. Und unmittelbar fühlte ich meine innere Ruhe zurückkehren. Das Beben hörte auf. Die Unsicherheit schwand. Die Verzweiflung war weit, weit weg. Ich war nicht mehr irgendetwas, sondern ich war nur noch.

Mike gab mir eine Minute oder so, dann befahl er: „Jetzt erzähl.“ Erst stockend, dann immer fließender begann ich zu erzählen. Anfangs musste er sogar auflachen, als ich ihm meine Bemühungen schilderte, herauszufinden, was Anna mitgekriegt, und was sie weitererzählt hatte. Er war jedenfalls deutlich weniger besorgt als ich, und er war überzeugt, dass sich die Sache im Sand verlaufen würde. Beinah war ich geneigt, ihm zu glauben, da klingelte es an der Tür. Mike ging hin, und ich hörte, dass es Barbara war, die Mutter von Desirée. Sie schien überrascht, dass er an der Tür war, begrüßte ihn mit hörbar mühsam aufgesetzter Höflichkeit, und forderte dann resolut: „Ich möchte mit Elli sprechen.“ – „Die ist gerade verhindert“ – „So, verhindert? Ich möchte jetzt sofort mit ihr sprechen!“, insistierte sie. Das Problem war: Ich kniete nackt im Wohnzimmer, und meinen Morgenmantel hatte ich oben im Schlafzimmer gelassen. Dort war auch meine restliche Kleidung. Die Treppe nach oben konnte man von der Eingangstür aus einsehen. Ich konnte also nicht hinaufhuschen, um mich anzuziehen. Ganz davon abgesehen hatte mein Herr mir auch nicht erlaubt, die Nadu-Stellung zu verlassen. Sollte ich ihm den Kampf mit der resoluten Barbara allein überlassen? Barbaras Mann war bei der Polizei in der Stadt, und Barbara war früher auch Polizeibeamtin gewesen. Bei der Kripo, soviel ich wusste. Jedenfalls war sie eine überaus durchsetzungsfähige Person. „Nun, ich warte!“, sagte sie gerade mit hörbarer Ungeduld.

Ich spürte, dass Mike ihr demnächst die Tür vor der Nase zu knallen würde, und ich beschloss, zu deeskalieren, und rief ihr aus dem Wohnzimmer zu: „Es ist alles in Ordnung, Barbara, aber ich kann jetzt gerade wirklich nicht mit dir sprechen. Ich ruf dir später an, ja?“ – „Was ist denn los?“, rief sie misstrauisch an Mike vorbei, als ob dieser nicht existieren würde. „Ich erzähle es dir später, bitte lass uns jetzt erst mal allein.“, sagte ich deutlich. Ich begann auch langsam, die Geduld zu verlieren. Sie schien es gemerkt zu haben, denn sie verabschiedete sich mit einem scharfen: „Bis später dann!“

Mike kam mit gerötetem Kopf herein, wie ich kurz feststellte, bevor ich wieder ordnungsgemäß die Augen niederschlug. „Wann kommt eigentlich Anna nach Hause?“, fragte er. „Erst so gegen 17 Uhr denke ich; sie geht nach der Schule mit Mirjam schwimmen.“, antwortete ich, und ergänzte noch schnell, angesichts meiner momentanen Position: „Herr.“ – „Geh dich jetzt erst mal frisch machen, bevor wir noch mehr Besuch bekommen“, brummte er und ließ sich auf die Couch fallen. Dankbar stand ich auf und eilte nach oben. Nach einer sehr gründlichen Reinigung und Rasur brachte ich meine Frisur in Form, legte ein dezentes MakeUp auf und ging, immer noch nackt und mit Halsband, denn er hatte mir nichts anderes befohlen, nach unten. Mein Herz klopfte. Die Situation war immer noch ungemütlich, aber alles war besser, wenn mein Herr bei mir war. Ich hätte den Tag bestimmt nicht überstanden, wenn er nicht nach Hause gekommen wäre. Dankbar kniete ich mich zu seinen Füßen nieder, als er mit dem Finger schnippte und dort hin zeigte.

„Abhauen ist keine Option!“, meinte Mike, während er meinen auf seinem Oberschenkel ruhenden Kopf streichelte, „Aussitzen oder aktiv angehen, das ist die Frage.“ Er hatte gut reden, er war den ganzen Tag in der Stadt am Arbeiten. Ich musste hier sein, im einzigen Dorfladen einkaufen gehen, mit den Müttern der anderen Kinder auskommen. Allein der Gedanke daran trieb mir die Schamröte ins Gesicht. Aber ich sagte natürlich nichts. Es war viel zu schön, so von ihm gestreichelt zu werden. Bevor er noch etwas sagen konnte, klingelte es sowieso. Allerdings diesmal nicht an der Tür, sondern das Telefon. Es war Marlene, die Präsidentin des Frauenvereins. Sie war eine kinderlose ältere Dame, die nicht unbedingt humorlos war, aber deren Humor sich mit dem meinigen doch als weitgehend inkompatibel erwiesen hatte. Ich war deshalb nach anfänglichen Bemühungen jetzt nur noch Passivmitglied und beteiligte mich dafür lieber im gemischtgeschlechtlichen Dorfverein, dessen Präsident zwar gerne schamlos mit mir flirtete, aber jederzeit die Grenzen respektierte. Die meisten Frauen waren in beiden Vereinen, viele auch noch im Mütterverein, während die meisten Männer im Dorfverein und im Schützenverein waren. Mein Herr war allerdings in keinem der Vereine, was ihn in den Augen vieler Dorfbewohner suspekt machte, und sich deshalb in der jetzigen Situation als Nachteil erweisen könnte.

Wie auch immer, Marlene kündigte ihren Besuch an. Sie und der Vorstand des Frauenvereins würden zusammen mit dem Vorstand des Müttervereins zu mir kommen, um „die Sache“ zu besprechen. „Die Sache“ sprach sie ungefähr so aus, als sei ihr dabei ein unappetitliches Insekt über die Lippen gekrochen. Sie wartete mein Einverständnis nicht ab, sondern betonte huldvoll, dass sie für Kuchen sorgen würden, und ich nur den Kaffee bereitzustellen hätte.

„Die Grand Jury tritt zum Verhör, Urteil und vermutlich Vollstreckung zusammen“, erläuterte ich Mike, „und zwar hier, in unserem Wohnzimmer. Wir sollten noch einmal wilden, ungezügelten Sex treiben, bevor sie dich kastrieren und mich ins Kloster stecken.“ Mike schmunzelte kurz, wurde dann aber gleich wieder ernst: „Dein Galgenhumor in Ehren, aber was fällt diesen Leuten eigentlich ein? Wieso sollten wir sie überhaupt ins Haus lassen? Unsere Lebensweise geht die doch einen Dreck an!“ Er schaute mich erwartungsvoll an. Er schien vergessen zu haben, dass ich immer noch das Halsband trug, und dass ich nackt war. Eigentlich sollte ich beleidigt sein, vor Allem, weil ihm letzteres offenbar entging. Er war wohl auch ein wenig aus dem Gleichgewicht. Also fiel ich nolens volens aus der Sklavinnen-Rolle und erdreistete mich, ihm einen Rat zu geben: „Wenn wir es uns mit dem Frauenverein und dem Mütterverein verderben, werden wir in diesem Dorf nie mehr glücklich werden. Wir werden geschnitten, Anna wird geschnitten. Und vielleicht hetzen sie uns sogar die Vormundschaftsbehörde auf den Hals. Wenn du nicht wegziehen willst, müssen wir es ihnen irgendwie erklären. Auf eine Weise, die sie verstehen.“ Beim Gedanken, Marlene oder Sabine die M/f-Lebensweise so erklären zu wollen, dass sie es verstanden, musste ich allerdings auflachen, obwohl ich die Situation nach wie vor nicht zum Lachen fand.

Eine Weile diskutierten wir hin und her, ohne zu einer Lösung zu kommen. Schließlich traf Mike seine Entscheidung: „Zieh dein blaues Kleid an.“ Ich eilte nach oben, und stand eine Weile zögernd vor dem Kleiderschrank. Aber er hatte weder etwas von Unterwäsche oder Strümpfen gesagt, noch mir erlaubt, das Halsband abzunehmen. Also zog ich mein blaues Baumwollkleid über die nackte Haut und beließ das äußere Zeichen meines Sklavinnen-Standes am Hals. Als ich herunterkam, nickte Mike nur kurz. Dann holten wir die Gartenmöbel herein und zogen den Tisch aus, um genug Platz für die Frauenversammlung zu schaffen. Danach füllte ich einen Kaffee nach dem Anderen in große Thermosflaschen ab und stellte die Tassen auf. Wir waren kaum mit den Vorbereitungen fertig, als es an der Tür klingelte. Mike nahm am Kopfende des Tisches Platz und winkte mir, zu öffnen. Ich holte tief Luft und ging zur Tür.

Draußen stand ein Haufen tuschelnder Frauen, die abrupt verstummten, als ich die Tür öffnete, bis Marlene die Initiative ergriff und mit einem Gesicht voller falscher Herzlichkeit auf mich zu eilte, mich umarmte, mir rechts und links einen Luftkuss neben die Wange schmatzte und rief: „Schön, dass wir in dein Haus kommen dürfen, um ein wenig zu plaudern.“ – „Ja, kommt rein.“ Eine nach der anderen begrüßte mich überfreundlich, und ich sah erstaunt, dass auch Sabine dabei war. „Wo sind die Kinder?“, fragte ich misstrauisch. „Roger arbeitet heute Nachmittag nicht, er spielt mit ihnen.“, antwortete sie. Offenbar hatte sie ihren Mann von der Arbeit weg herbei zitiert. Das war möglich, weil Roger als Inhaber eines Installateurgeschäfts seinen Tag selbst gestalten konnte. Monika, die mit ihrem Mann die Dorfbäckerei führte, hatte zwei große Kuchenschachteln mitgebracht. „Vermutlich das Käsesahnezeugs, das sie gestern nicht los gekriegt hat“, dachte ich giftig, sagte aber nichts.

Ich führte den Trupp ins Wohnzimmer, wo Marlene kurz abrupt stehenblieb, als sie Mike erblickte. Offenbar hatte sie noch nicht mit Barbara gesprochen, sonst wäre sie auf ihn vorbereitet gewesen. Sie fasste sich aber schnell und flötete zuckersüß: „Oh, Michael ist auch da, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Bist du entlassen worden?“ Dieser stand auf, ließ einen reichlich finsteren Blick über die Hühnerschar schweifen und sagte dann mit seiner allerfreundlichsten Stimme, die aber dennoch keinerlei Raum für Widerspruch ließ: „Nein, ich bin selbständig, liebe Marlene. Meine Frau hat sich nicht wohl gefühlt, darum bin ich nach Hause gekommen. Aber setzt euch doch, meine Damen!“ Keine machte einen Mucks, alle setzten sich wortlos um den Tisch und schauten ihn erwartungsvoll an. Mühelos hatte er die Sitzungsleitung übernommen. Der einzige Trick, den er dazu angewandt hatte, war der, dass er sich am Kopfende platziert, und den ledernen Bürostuhl für sich genommen hatte, während die Gäste auf Holz- und Plastikstühle gesetzt wurden. Der Rest war seine pure Präsenz, die den Raum bis zum letzten Winkel auszufüllen schien. Nicht einmal Sabine muckte auf, sondern schaute nur verblüfft die schweigende Marlene an. Es kam tatsächlich nicht sehr oft vor, dass Marlene schwieg.

Bei gemeinsamen Aktionen war es oft so, dass Sabine, die Präsidentin des Müttervereins, Marlene, der Präsidentin des Frauenvereins, die Führung überließ. Aber ich hatte schon sehr früh durchschaut, dass die gut zwanzig Jahre jüngere Sabine klar die stärkere Persönlichkeit der beiden war. Wenn es galt, jemanden für eine Entscheidung zu gewinnen, dann war das Sabine. Die meisten Frauen, und somit auch die meisten Männer, würden sich ihrer Meinung anschließen. Leider hatte ich Mike nicht vorbereiten können, und wir hatten auch nie viel über die Machtverhältnisse unter den Dorffrauen gesprochen. So etwas interessierte ihn eigentlich nicht. Ich konnte nur hoffen, dass ihn sein Instinkt jetzt nicht im Stich ließ.

„Elli, schenk bitte erstmal allen Kaffee ein. Wie ich sehe, hat Monika Köstlichkeiten aus der Backstube mitgebracht, bring doch bitte auch Kuchenteller“, schleimte er sich ein. Monika bedachte ihn mit einem seltsamen Blick, den ich zuerst nicht deuten konnte, öffnete dann aber wortlos ihre beiden Schachteln und nahm die Torten heraus, die bereits auf Servierplatten standen. Sie war eben ein Profi. Ich nahm ihr die leeren Schachteln ab und ging in die Küche, die Blicke so vieler Augenpaare auf meiner Rückseite fühlend, dass ich, kaum hatte ich die Hände frei, prüfend am Saum meines Kleides zupfte. Aber es saß absolut korrekt. Gut, ich hatte vielleicht ein klein wenig zugenommen, seit ich es vor acht Jahren gekauft hatte. Gut, wenn man genau hinguckte, zeichnete sich vielleicht mein Po darunter ab. Aber ob ich einen String trug, oder nackt darunter war, das konnte man mit Sicherheit nicht erkennen. Oder etwa doch?

Ich kam zurück und bediente. Mike machte keinerlei Anstalten, mir zu helfen, aber Yvonne sprang auf und beteiligte sich am Kaffee- und Kuchen verteilen. Mit Yvonne hatte ich bisher nie viel zu tun gehabt. Sie war vielleicht fünf Jahre älter als ich und hatte drei Kinder, die allerdings schon die höhere Schule in der Stadt besuchten. Ihr Mann arbeitete bei der Post. Als wir fertig waren, sagte mein Herr nur kurz: „Gut, ihr könnte euch setzen.“ Aus dem Augenwinkel sah ich, dass in Sabine ein Vulkan zu brodeln begann, aber Mike kontrollierte die Situation wieder mühelos, indem er das Wort ergriff, bevor sie eine Chance hatte, zu explodieren. „Bitte, lasst es euch schmecken.“, usurpierte er frech Monikas Tortenspende. Diese betrachtete ihn allerdings unverhohlen amüsiert, während Marlene ratlos und Sabine wütend dreinschauten. Aber noch hielt die dünne Schale der Zivilisation. Während alle die ersten Kuchenbissen aßen und am Kaffee nippten, klingelte es an der Tür. Es war Barbara, die sich für ihre Verspätung entschuldigte. Das bedeutete Verstärkung für Sabine, fürchtete ich. Ich bot ihr meinen Stuhl an und stellte mich selber neben die Küchentür. Ich hatte sowieso keinen Hunger mehr.

Erneut erwischte Mike den richtigen Moment, bevor jemand anders etwas sagte: „Es ist nett, dass ihr uns besucht, liebe Damen des Frauenvereins und des Müttervereins, aber der Grund eures Hierseins ist ja nicht nur gesellschaftlicher Natur, nehme ich an.“ – „Allerdings!“, versuchte Marlene die Initiative zurückzuerlangen, aber er ließ ihr keine Chance: „Einige von Euch haben offenbar an einer Kindergeburtstagsparty etwas gehört, was unsere Tochter gesagt hat, und die anderen haben es aus zweiter oder dritter Hand ebenfalls gehört, und ihr habt euch eine Meinung dazu gebildet, was hier in unserer Familie los ist. Lasst mich bitte erst aussprechen!“, ergänzte er schnell, mit einem Seitenblick auf Sabine, die eben ihren Mund geöffnet hatte. Nach einer kleinen Kunstpause, während der ihm alle wie gebannt an den Lippen hingen, fuhr er fort: „Manche von euch vermuten, ich würde meine Frau schlagen!“ – „Willst du es vielleicht leugnen?“, keifte Sabine, die sich nun endgültig nicht mehr beherrschen konnte, und Barbara fiel ein: „Willst du deine eigene Tochter der Lüge bezichtigen?“. Alle begannen, durcheinanderzurufen. Die Situation drohte zu eskalieren. Mich beachtete niemand. Irgendwie hatte ich nichts mehr mit der Sache zu tun. Ich könnte vielleicht unterdessen einen Spaziergang im Wald oder um den See machen, dachte ich. Dann bemerkte ich, dass Yvonnes Blick auf mir ruhte. Sie nickte mir ganz leicht zu.

Nach einigen Augenblicken sagte Mike mit einer Stimme, die ruhig war, aber dennoch laut und deutlich genug, um über dem Lärm gehört zu werden: „Würdet ihr mich jetzt aussprechen lassen?“ Und wieder gelang es ihm, alle zum Verstummen zu bringen. Ich bewunderte ihn grenzenlos. Obwohl mir immer noch nicht klar war, wie er den Kopf aus der Schlinge ziehen wollte. Die Tatsache, dass ich mein Sklavenhalsband trug, ließ mich allerdings irgendwie Böses ahnen. Aber ich konnte jetzt ohnehin nichts mehr ändern. Also blieb ich stehen und hörte: „Lasst es mich klar und deutlich sagen: Diejenigen, die glauben, ich schlage meine Frau, die haben Recht.“

Ein unbeschreiblicher Tumult brach los. Mehrere sprangen sogar auf, der Geifer sprühte, alle riefen und keiften wild durcheinander, um dennoch wieder auf wundersame Weise zu verstummen, als er mit seiner sonoren Stimme fortfuhr: „Ich züchtige sie dann, wenn sie es verdient hat, oder wenn ich Lust dazu habe.“ – „W…. Wie bitte… sagte Marlene mit rauer Stimme, „sag mir, dass das ein schlechter Witz war.“ Jetzt waren alle Blicke auf mich gerichtet. Ich habe ja schon von dem Problem erzählt, dass unser Haus keine Mauselöcher hat. Deshalb beschränkte ich mich darauf, die Rolle einer rot leuchtenden Stehlampe zu spielen. Wenigstens war das keine Sprechrolle. Plötzlich lachte Monika laut auf. „Was gibt es da zu lachen?“, zischte Barbara. Monika schaute Mike an, als sie fragte: „Ich nehme doch stark an, dass es Dein Wunsch war, dass Elli im Moment dieses aparte Schmuckstück am Hals trägt, und dass es andererseits ihr freier Wille ist, deinen diesbezüglichen Wünschen zu entsprechen?“ – „Das ist richtig“, erwiderte er, und blickte Monika mit erwachendem Interesse an. Sie fuhr fort: „Ich nehme an, sie würde uns die Spuren der letzten Züchtigung zeigen, wenn du sie dazu aufforderst.“ Noch immer blickte sie nicht mich, sondern nur Mike an. Die beiden waren dabei, über mich zu bestimmen. Ein seltsames Gefühl überkam mich.

„Selbstverständlich“, erwiderte er, ebenfalls ohne mich anzusehen. Ich begann, leicht zu zittern. Dann sah ich Yvonnes Blick, der immer noch fest auf mir ruhte, und mir unerklärlicherweise Kraft gab. „Nun“, schloss Monika und blickte in die Runde, „ich denke, wir machen uns am besten selbst ein Bild von diesen Spuren, bevor wir weiter diskutieren, nicht wahr?“ Man hätte eine Nadel zu Boden fallen hören können. Marlene schnappte irgendwie nach Luft, Sabine schüttelte stumm den Kopf. Yvonne brach das Schweigen: „Nicht unbedingt“, sagte sie, öffnete ihre Handtasche, nahm einen glänzenden silbernen Halsreif heraus, und legte ihn sich um den Hals. Dann stand sie auf und stellte sich neben mich. Sie nahm meine Hand und fuhr fort: „Ich denke, die Frage, wegen der wir hier sind, ist geklärt. Alles andere geht weder den Frauenverein noch den Mütterverein etwas an. Ein Kind hat etwas mitgekriegt, was es nicht hätte mitkriegen sollen. Mike und Elli haben wohl einmal nicht gut genug aufgepasst. Anna verhält sich absolut normal, es ist nichts passiert. Wer noch nie von seinem Kind in einer peinlichen Situation erwischt worden ist, werfe den ersten Stein.

„Ich weiß beim besten Willen nicht, was jetzt geklärt sein soll!“, versetzte Marlene, die ratlos umherblickte, und vermutlich tatsächlich die einzige im Raum war, die weder von „Geschichte der O“ noch von „Shades Of Grey“ jemals gehört hatte. Den anderen schien so langsam zumindest ein Licht aufzugehen, wie man ihren teils verlegenen, teils interessierten Blicken entnehmen konnte. Monika schaute Yvonne mit unverhohlenem Interesse an: „Da lebt man so lange im selben Dorf, geht in dieselben Vereine, und weiß doch so wenig voneinander. Ich finde es schade, dass wir uns nicht früher näher kennengelernt haben.“ – „Wir können das ja nachholen“, entgegnete Yvonne, errötete dann aber, und blickte zu Boden, „ich glaube jedenfalls, dass mein Mann das auch begrüßen würde“, endete sie.

„Kann mir mal jemand erklären, worum es hier geht?“, rief Iris. Offenbar hatte ich mich damit getäuscht, dass Marlene die einzige war, die nichts schnallte. „Also ihr meint, sowas gibt es wirklich, hier bei uns?“, hakte Barbara nach, der ich von allen außer Sabine am ehesten die Dommsenrolle zugetraut hätte. „Was soll es wirklich geben bei uns?“, fragte Iris zunehmend ungehalten, aber nun schwiegen wieder alle. Ich auch. Sollten doch die Doms die Wundertüte auspacken, die sie da geöffnet hatten. Ich fühlte mich nicht zuständig. Aber mein Gesicht fühlte sich nicht mehr so heiß an.

Tatsächlich stellte sich Monika der Herausforderung: „Weißt du, Iris, wir wissen nicht genau, wie Ellis Hintern aussieht, und es geht uns auch nichts an, wie Yvonne ganz richtig klargestellt hat. Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass er so ähnlich aussieht, wie der Hintern meines Mannes.“ – „Oder wie meiner“, ergänzte Yvonne. „Yvonne!“, platzte Claudia heraus, die bisher noch nichts gesagt hatte, „du hast mir erzählt, du seist ausgeglitten, als ich dich vorgestern im Hallenbad nach den blauen Flecken gefragt habe!“ – „Eine kleine Notlüge“, antwortete diese ruhig, aber ich glaube, hier und heute war es sinnvoll, die Wahrheit zu sagen.“ Ich schaute sie dankbar an, drückte ihr die Hand und sagte: „Danke!“

Sabine beugte sich rüber zu Monika und sagte leise, aber doch laut genug, dass ich es hören konnte: „Kann ich mal mit dir darüber reden, wie das so läuft, zwischen dir und deinem Mann?“ – „Ja, klar. Du kannst deinen Mann auch mal mitbringen, damit er gleich selber sieht, wie es läuft. Oder, am besten wir machen mal eine richtige Session“, sagte sie etwas lauter, „Was meinst du, Mike?“ – „Ja, finde ich gut. Aber lasst euch doch bitte jetzt wieder Kaffee und Kuchen schmecken!“ Dankbar für das Verlassen des schlüpfrigen Terrains wandte sich die schweigende Mehrheit der Frauen wieder der Sacher- und Schwarzwälder Kirschtorte, sowie dem längst erkalteten Kaffee zu.

Und so kam es, dass in Untergemsensteig nebst dem Dorfverein, dem Frauenverein, dem Schützenverein und dem Mütterverein nun noch ein weiterer Verein entstand: Der Verein für Erwachsenendisziplin e.V., der als einziger ein Mindesteintrittsalter von 18 Jahren forderte, und dessen im Wald außer Hörweite des Dorfs befindliches Clublokal undurchsichtige Fenster und stets gut verschlossene Türen hatte. Und jedes Jahr, am Jahrestag unseres hier geschilderten denkwürdigen Treffens, findet der „Outing Day“ statt, ein mittlerweile weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannter BDSM-Convent.



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